Ameisen DE (Teil 2)

Organisation des Ameisenstaates

Orientierung

Von Ameisen hinterlassene Spuren in Joghurtresten auf einem Löffel.
Von Ameisen hinterlassene Spuren in Joghurtresten auf einem Löffel.

Außer über die Pheromone können sich Ameisen auch anhand der Polarisation des Lichts orientieren. Im Zusammenspiel von der mit der Tageszeit variierenden Ausrichtung der Lichtwellen und einer inneren biologischen Uhr bestimmen die Ameisen ihre Laufrichtung.

 

DieWüstenameisen (Cataglyphis fortis) können darüber hinaus neben der von ihnen zurückgelegten Strecke auch die Luftlinie zum Ausgangspunkt (Ameisenhaufen) wahrnehmen.

 

Einige andere Arten orientieren sich auch mittels Ultraschall. Dazu senden sie durch Stridulation (Reiben des mit kleinen Haaren oder Haken bestückten hinteren Beinpaars am Hinterleib, vgl. das Zirpen bei Grillen) Schallwellen ab acht Kilohertz bis weit in den Ultraschallbereich aus. Diese werden an Gegenständen reflektiert, mit dem Johnstonschen Organ aufgefangen und ausgewertet. Stridulationsklänge können aber auch durch Auf- und Abbewegungen eines Gastersegments an einer Kante des Postpetiolus entstehen. So können verschüttete Blattschneiderameisen „um Hilfe rufen“ und von Artgenossen gehört und ausgegraben werden.

 

 

 

Kommunikation

Der Informationsaustausch bei Ameisen erfolgt größtenteils chemisch über verschiedene Duftstoffe und taktil durch das Betasten mit den Fühlern. Es gibt für jede Situation Sekrete, zum Beispiel die Alarm-Pheromone, wie das Undecan aus den Dufourschen Drüsen.

 

Diese olfaktorische Kommunikation ist die wichtigste Verständigungsmöglichkeit der Ameisen.

 

Jede notwendige Information kann auch über Antennenkreuzen weitergegeben werden. So berühren sich die Fühler beispielsweise kurz oder lang und abrupt oder gleitend. Dieses nennt man taktile Kommunikation. Mit dieser Methode kann eine Ameise einer anderen durch Betrillerung signalisieren, dass sie hungrig ist und Kropfnahrung benötigt. Auch wenn eine Ameise eine andere zu einer Nahrungsquelle führt und die Duftspur noch nicht ausreichend intensiv ist, ist diese Art von Kommunikation notwendig. Dabei veranstalten diese beiden Ameisen den sogenannten Tandemlauf. Durch Betasten der Gaster signalisiert die geführte hintere Ameise ihre Anwesenheit. Ist diese nicht mehr da, wartet die Führerin und versprüht so lange Sekrete, bis sich beide wieder gefunden haben.

 

 

 

Kollektive Intelligenz

Drei Ameisen transportieren einen toten Gecko
Drei Ameisen transportieren einen toten Gecko

Transportieren mehrere Ameisen Beute gemeinsam zum Nest, so beruht das nicht auf einer Absprache, also auf einer kommunikativen Intelligenz. Vielmehr versucht jede Ameise für sich die Beute in Richtung Nest zu schaffen. Sind genug Ameisen herangekommen, um die Beute der Masse nach wegschaffen zu können, und zerren genug Ameisen in etwa dieselbe Richtung, nämlich auf derselben Straße Richtung Nest, so setzt sich der Transportzug automatisch in Bewegung. Je besser die Straße durch Pheromone markiert ist, desto besser kommt der Zug voran.

 

An den Schwarzen Wegameisen wurde nachgewiesen, dass Ameisen sich nicht ausschließlich nach der Pheromonspur (Ameisenstraße) der Gründerameise richten, wenn sie die Beute in Richtung Nest schaffen. Ist eine Passage so eng, dass es zu Kollisionen zwischen den hin- und zurücklaufenden Ameisen kommt, so weichen die heimkehrenden Ameisen auf einen alternativen Weg aus und legen dabei eine praktisch parallele Ameisenstraße an, die sich durch Benutzung verfestigt. Dass die heimkehrenden Ameisen ausweichen, dürfte damit begründet sein, dass die Ameisen über den eingebauten Kompass das Nest auch ohne Pheromonspur gut orten können, was für die Beute nicht gilt: Diese ist nur durch die Pheromonspur zu finden.

 

Ein interessantes Beispiel für kollektive Intelligenz liefert die Ameisenart Cataulacus muticus. Diese Ameisen leben im Inneren einer Bambusart. Sie schützen sich folgendermaßen vor Hochwasser, wenn Regen einsetzt:

 

  1. Die Ameisen verriegeln mit ihren Köpfen den Stamm von innen wie mit einem Korken
  2. Eingedrungenes Wasser wird aufgenommen und nach dem Regen außerhalb ausgeschieden (geprägte Bezeichnung: „Kollektivpinkeln“).

 

 

 

Nestarten

Die meisten Nester bestehen aus kleinen Holz- oder Pflanzenteilen, Erdkrumen, Harz von Nadelgehölzen oder anderen natürlichen Materialien. Innerhalb einer Ameisenart können verschiedene Nestarten auftreten.

 

Nomadisch lebende Ameisengattungen, wie die Wander- und Treiberameisen, bauen keine Nester. Da sie sich ständig auf Raubzügen durch die Savannen Afrikas oder die Regenwälder Südamerikas befinden, brauchen sie keine festen Nistplätze. Die Königin und die Brut werden etwas entfernt von der bis zu 20 m breiten Front mitgetragen. Des Nachts bilden die Arbeiterinnen und Soldaten ein lebendes Biwak aus ihren Körpern um die Königin und ihre Brut. Dabei halten sich die Ameisen mit ihren Mandibeln an den Abdomen eines anderen Tieres fest. In diesen Biwaks aus Tausenden von Körpern ist die Königin vor allen äußeren Einflüssen besser geschützt als es in irgendwelchen Nestern überhaupt möglich wäre. Hindernisse überwinden sie, indem sie aus ihren Körpern eine Brücke bilden, über die das restliche Volk hinweg wandern kann.

 

 

 

Erdnest

Eingang zu einem Erdnest zwischen den Fliesen einer Terrasse
Eingang zu einem Erdnest zwischen den Fliesen einer Terrasse

Das Erdnest ist die häufigste Nestart, bei der zumindest der Großteil aller Gänge und Kammern unterhalb der Erdoberfläche liegt. Erdnester sind sehr witterungsanfällig, sodass sie meistens nur an besonders geschützten Stellen wie beispielsweise unter wärmespeichernden Steinen zu finden sind. Manche Arten bilden auch einen Kraterwall um ihr Nest.

 

Die meisten Erdnester – wie zum Beispiel die der Gelben Wiesenameise (Lasius flavus) – verfügen über eine kleine Kuppel. Solche Erdnester können mehr Sonnenstrahlen auffangen, als flache Nester.

 

 

 

 

 

 

 

 

Hügelnest mit Streukuppeln

Der Bau der Roten Waldameise ist ein Hügelnest mit Streukuppeln
Der Bau der Roten Waldameise ist ein Hügelnest mit Streukuppeln

Eine bessere Durchlüftung und gleichzeitig auch eine bessere Wärmespeicherung bieten die Hügelnester mit Streukuppeln. Diese Nester sind meistens um morsche Baumstümpfe errichtet, die ihnen Halt geben. In solchen Hügeln leben die meisten Arten der Gattung Formica. Die obere Schicht aus Pflanzenteilen schützt das Nest vor Regen und Kälte; die unteren Schichten sind aus Erde. Die Gänge sind so angelegt, dass Wasser an ihnen abperlen kann. In solchen Nestern, die bis zwei Meter hoch werden und einen Durchmesser von fünf Metern erreichen können und nochmals so tief wie hoch sind, gibt es zahlreiche Etagen und Galerien. Solche Nester haben durch ihre pflanzlichen Bestandteile stark mit Pilzen zu kämpfen, weshalb die Ameisen alle ein bis zwei Wochen die Oberfläche des Nestes komplett umgraben. Dies kann man sehr gut beobachten, wenn man etwas Farbe auf dieses sprüht: Nach spätestens zwei Wochen ist diese vollständig verschwunden und taucht nach vier bis sechs Wochen an einer anderen Stelle wieder auf. Im Winter dient der obere Teil der Hügelnester als Frostschutz, während alle Ameisen in den tieferen Kammern ihre Winterruhe halten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Holznest

Verschiedene Ameisenarten schneiden mit ihren Mandibeln Nester und Gangsysteme in morsches oder hohles Totholz, wie auch lebende Bäume, wobei den letzteren im Allgemeinen trotzdem noch genügend Wasser- und Nährstoffleitungen zum Überleben bleiben. Die Eingänge befinden sich an den Wurzelenden, so dass man dem Stamm das Nest von außen nicht ansehen kann. Vor allem die mitteleuropäische Schwarze Rossameise (Camponotus herculeanus) nagt ausgeprägte Nestkammersysteme, sogenannte Hängende Gärten, in morsche Stämme.

 

Die Glänzendschwarzen Holzameisen (Lasius fuliginosus) bauen als einzige heimische Vertreter Kartonnester in Bäume. Sie zerkleinern dazu kleine Holz- und Erdmaterialien und durchtränken diese geknetete Kartonsubstanz mit aus dem Kropf hervorgewürgtem Honigtau. Diese Baumasse enthält bis zu 50 Prozent Zucker. Darauf züchten sie den Pilz Cladosporium myrmecophilum, der durch seine Hyphen (pilztypisch fadenförmige Zellstruktur) den Nestwänden Stabilität verleiht. Beide Lebewesen leben in Symbiose, denn der Pilz findet so optimale Nahrungsgründe.

 

Kartonnester sind jedoch vor allem bei tropischen Ameisen zu finden, die diese meist freihängend bauen.

 

 

 

Seidennest

Weberameisen der Gattung Oecophylla bauen ihre Nester mittels eines Seidensekrets ihrer Larven, mit dem Blätterbüschel zusammengesponnen werden. Meistens sind diese Nester ebenfalls freihängend. Andere bauen ihre Nester ausschließlich aus Seide, die sie mit totem organischem Material (Detritus) bedecken oder tarnen.

 

 

 

Ameisenpflanzen

Domatien sind Pflanzen mit Hohlräumen, in denen Ameisen nisten (Myrmekophylaxis). So leben die Arten der tropischen Gattung Tetraponera (Pseudomyrmecinae) und die malaysischen Cataulacus muticus (Myrmicinae) in den hohlen Stängeln zweier Riesenbambusarten. Teilweise züchten Ameisen in den Pflanzen Blattläuse, wie die Arten der Gattung Azteca, die in hohlen, durch Querwände unterteilten Zweigen und Stämmen der Pflanzen der Gattung Cecropia leben.

 

Weitere Pflanzen, in denen Ameisen wohnen, sind die der Gattung Myrmecodia, oder eine Büffelhornakazie der Spezies Acacia sphaerocephala, in deren hohlen Dornen die Ameisen nisten.

 

 

 

Andere Nistmöglichkeiten

Die kleineren Arten, vor allem die der Leptothorax benötigen keine größeren Territorien. Diese nutzen kleine Asthöhlungen von diversen Larven oder wohnen in Schneckenhäusern oder Eicheln.

 

 

 

Interaktion mit anderen Lebewesen

Fressfeinde

Einige Ameisenlöwenarten fangen Ameisen mit Hilfe von Trichtern, welche sie in sandigen Boden höhlen.
Einige Ameisenlöwenarten fangen Ameisen mit Hilfe von Trichtern, welche sie in sandigen Boden höhlen.

In Mitteleuropa ernähren sich einige Vogelarten wie z. B. der Grün-, Bunt- und Schwarzspecht, kleine Schlangen, Amphibien, Spinnen, Insekten aber auch Wildschweine von Ameisen. Die Larven der Ameisenjungfern, die Ameisenlöwen, sind unter anderem auf das Erbeuten von Ameisen spezialisiert. Der Grünspecht deckt die Hälfte seines täglichen Nahrungsbedarfs mit circa 3000 bis 5000 Ameisen.

 

Außerhalb Europas sind vor allem Ameisenbären bedeutende Fressfeinde, im Süden der USA, sowie in Mittelamerika, kommt in dieser Beziehung den Krötenechsen (Phrynosoma) größere Bedeutung zu, die sich fast ausschließlich von Ameisen ernähren.

 

Viele Wirbellose (wie z. B. Raubwanzen) imitieren die Pheromone der Ameisen und legen damit Ameisenstraßen, auf denen die Ameisen ihren Feinden entgegenlaufen. Einige Spinnentiere, Tausendfüßlerarten und Käfer imitieren speziell die Pheromone der Ameisenlarven. So können sie ungehindert, teilweise auch getragen von den Brutpflegerinnen, in den Bau zu den Brutkammern eindringen und sich der Larven bedienen. Beide Formen können zu der chemischen Mimikry gezählt werden.

 

 

 

Ameisengäste

Ameisengäste sind Tiere, die in Ameisenbauten leben. Dazu gehören vor allem Insekten, aber auch Webspinnen. Formen des Zusammenlebens sind Synechthrie bzw. Syllestium, Synökie und Symphylie.

 

Bei der räuberischen Form – Synechthrie oder Syllestium – des Zusammenlebens ernährt sich der Ameisengast von Ameisen, Ameisenlarven oder Ameiseneiern. Dabei werden verschiedene Strategien angewandt: Ameisenspinnen ahmen Ameisen in Form und Verhalten nach, während sich beispielsweise einige Bläulingsraupen durch einen dicken Schutzmantel vor Angriffen der Ameisen schützen.

 

Die Synökie bezeichnet ein Zusammenleben verschiedener Arten ohne sonderliche gegenseitige Beeinflussung. Verschiedene Springschwanzarten, die Larven der Schwebfliegengattung Microdon, die Blattkäfergattung Clytra, Grillen der Gattung Myrmecophila (z. B. die Ameisengrille), Ameisenfischchen (Atelura spp.) und die Kurzflügler der Gattung Dinarda leben von den Nahrungsvorräten der Ameisen. Außerhalb der Ameisenbauten finden sich häufig Rosenkäferlarven.

 

Bei der Symphylie werden die Ameisengäste beschützt und oftmals auch gefüttert. Die Ameisen erhalten dafür zum Beispiel nahrhafte Drüsensekrete. Zu solchen Gästen zählen die Kurzflügler der Gattungen Lomechusa und Atemeles, Keulenkäfer der Gattung Claviger und einige Bläulingsraupen.

 

 

 

Ameisen und Bläulinge

75 Prozent der weltweit vorkommenden Bläulingsarten (eine Schmetterlingsfamilie) leben myrmekophil, also von oder mit Ameisen. Dabei kommen Symbiose und Parasitismus mit allen Zwischenstufen vor. Einige Raupen, wie beispielsweise die des Silbergrünen Bläulings (Polyommatus coridon) oder des Storchschnabel-Bläulings (Plebejus eumedon) dienen den Ameisen ähnlich den Pflanzenläusen als Honigtauquellen. Dafür werden sie vor Fressfeinden beschützt. Andere Bläulingsraupen leben parasitär oder symbiotisch als Ameisengäste im Ameisenbau. So wird die Raupe des Lungenenzian-Ameisenbläulings von Ameisen der Art Myrmica ruginodis adoptiert und ohne Gegenleistung wie eine Ameisenlarve gefüttert. Die Raupe des Dunklen Wiesenknopf-Ameisenbläulings wird von der Roten Gartenameise (Myrmica rubra) ebenfalls wie die Brut gepflegt, gibt aber Zuckerwasser an die Ameisen ab. Zusätzlich frisst die Raupe die Ameisenbrut.

 

Einige Bläulinge sind vollkommen von einer speziellen Ameisenart abhängig. So braucht der Quendel-Ameisenbläuling Knotenameisen der Art Myrmica sabuleti zur Entwicklung. Gegen Absonderung eines zuckerhaltigen Sekrets darf sich die Raupe von Ameisenlarven ernähren. Ein Rückgang der Ameisen aufgrund einer veränderten Viehwirtschaft auf den Britischen Inseln (die Ameisen bevorzugen kurzes, also beweidetes Gras) führte dort zum Aussterben des Bläulings.

 

 

 

Parasiten

Ameisen können von Hämolymphe saugenden Milben befallen sein. Daneben gibt es Milben der Gattung Antennophorus: Sie leben auf den Ameisen und bringen die Ameisen durch Reizung dazu, Nahrungstropfen abzugeben, von denen sich die Milben ernähren. Milben der Art Laelops oophilus leben bei den Larven und lassen sich von den Brutpflegerinnen füttern.

 

Zu den Innenparasiten gehören die Larven einiger Schlupfwespenarten und verschiedene Fadenwürmer. Auch dienen Ameisen dem Kleinen Leberegel als zweiter Zwischenwirt.

 

 

 

Ameise und Mensch

Wirtschaftliche Bedeutung

Die Ernteameisen der Spezies Pogonomyrmex barbatus, die man als Holzschädlinge betrachtet, können die Forstwirtschaft fördern, indem sie den Abbau und die Umsetzung von Holz beschleunigen, das bereits von anderen Insekten befallen ist. Zwar wirken sich die vielen samensammelnden Ameisen schädigend auf die Landwirtschaft aus, wenn sie in der Umgebung von Kornfeldern und Getreidespeichern zu zahlreich werden, doch im Normalfall kann ihre Anwesenheit die Produktion begünstigen, weil sie der Zunahme schädlicher parasitischer Käfer entgegenwirkt. Blattlaushaltende Ameisen sind häufig Schädlinge in Gärten. Weitere bedeutende Beiträge zur Forstwirtschaft in tropischen und subtropischen Gebieten leisten wohl die räuberischen Treiber- oder Wanderameisen. Sie beseitigen effektiv andere, noch schädlichere Insekten und sind daher in menschlichen Wohngebieten nicht immer unwillkommen.

 

 

 

Gefahren für den Menschen

Ameisenstiche von Tetramorium sp.
Ameisenstiche von Tetramorium sp.

Die Roten Feuerameisen wurden Anfang der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts nach Australien eingeschleppt. Unter den für sie sehr günstigen Umweltbedingungen des australischen Outbacks haben sie sich stark vermehrt, u. a. auch in der Nähe von Städten. Tatsächlich betrachten sie die Menschen als Eindringlinge in ihr Revier und versuchen sich zu verteidigen. Ihre Bisse und das Gift ihres Stachels wirken bei manchen Menschen allergieauslösend wie Bienen- oder Wespenstiche.

 

 

 

 

 

 

 

 

Haltung

Einheimische oder exotische Ameisenarten können in speziellen, vorgefertigten Behältnissen, den sogenannten Formicarien gehalten werden. Ameisenhaltung ist inzwischen zu einem beliebten Hobby geworden; sie zählt zum Wissensbereich der Terraristik. Die nötigen Anschaffungen hängen vom Anspruch der jeweiligen Art ab. Beispielsweise ist der Aufwand für die Blattschneiderameisen Atta cephalotes ungewöhnlich hoch, da sie ständig Nachschub an frischen Blättern brauchen, um ihre Nahrung (einen Pilz) züchten zu können. Heimische Arten, wie etwa dieSchwarze Wegameise (Lasius niger), können dagegen auch in einem einfachen Gipsnest mit angeschlossener Arena (sandiger Boden) gehalten werden.

 

Zu beachten ist bei europäischen Arten die Einhaltung der Winterruhe von Mitte Oktober bis April, die entweder in geeigneten Behältnissen im Kühlschrank oder frostgeschützt auf dem Balkon oder im Garten verbracht werden sollte. Ohne diese Winterruhe kommt es zu einer Schwächung des Ameisenstaates, die zum Absterben der Kolonie führen kann.

 

 

 

 

 

 

Extra-Artikel Formicarium zur Haltung von Ameisen

Formicarium

Formicarium mit Ytong-Nest
Formicarium mit Ytong-Nest

Ein Formicarium ist ein Behälter oder eine Anlage aus Behältern zur Beobachtung und Haltung von Ameisen. Es ist daher ein spezielles Terrarium, das den Lebensraum einer Ameisenart nachbildet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bestandteile eines Formicariums

Ein vollständiges Formicarium besteht mindestens aus dem „Nest“, der „Arena“, welche entweder voneinander getrennt oder aber ineinander gestellt sein können, den Verbindungsröhren oder -schläuchen und einer geeigneten Ausbruchssicherung, so dass die Ameisen nicht unkontrolliert das Formicarium verlassen können. Hinzu kommen Gerätschaften zur Klimaregulation (Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Helligkeit).

 

Die „Arena“ ist ein mit dem Nest verbundener (oder das Nest umgebender) weiterer Behälter, in dem die Ameisen sich mit Futter versorgen und Abfälle entsorgen können.

 

Oft sind Formicarien zweckentfremdete Behältnisse, die mit einem Ameisennest und einer Ausbruchssicherung versehen werden. Mittlerweile gibt es aber auch Händler, die geeignete Behälter und Zubehör verkaufen.

 

 

 

Nesttypen

Gasbeton

Man kann ein Nest aus einem Gasbeton-Stein (Ytong oder Porenbeton) fertigen. Dazu nimmt man einen solchen Stein und ritzt, meißelt oder fräst Gänge und Kammern in eine oder mehrere Flächen des Steins. Auf diese Seiten werden dann Glas oder Plexiglas-Scheiben geklebt. Diese Scheiben sollten durch eine rote Folie verdunkelt werden. Das Nestklima lässt sich ausgezeichnet von außen durch angefertigte Wasserspeicher regeln.

 

 

 

Gips

Ein Nest aus Gips ist einem Gasbeton-Nest sehr ähnlich; bis auf den Unterschied, dass Gips luftundurchlässig ist, wodurch sich die Schimmelgefahr im Nestinneren erhöht.

 

 

 

Glasscheiben mit Erde (Ameisenfarm)

Ameisenfarm
Ameisenfarm

Zur Herstellung werden zwei Glas- oder Plexiglasscheiben aufrecht, parallel und dicht nebeneinander in einem Rahmen befestigt und der Zwischenraum mit Erde gefüllt. Diese sehr bekannte Haltungsform von Ameisen erlaubt den Ameisen selbständig Gänge und Nestkammern zwischen die beiden Scheiben zu graben, so dass man als Beobachter einen guten Einblick in das Nest erhält. Die Glasscheiben dieser Nestform werden üblicherweise mit roter Farbfilterfolie abgedeckt. Da Ameisen rot-blind sind, sorgt dies dafür, dass für sie das Nest dunkel erscheint, während eine Beobachtung weiterhin möglich ist. Besonders gut lassen sich in dieser Nestart rote bis rötlich-braune Ameisenarten (z. B. Rote Gartenameise und Gelbe Wiesenameise) beobachten.

 

 

 

 

 

 

Haltung in Gelfarmen

Die sogenannten Gelfarmen, die mit farbigem Gelee gefüllt sind, haben sich nicht als geeignete Umgebung für Ameisen erwiesen. Langlebige Kolonien oder gar Nachzuchten sind in solchen Behältern nicht bekannt.

 

 

 

Reagenzglas (Neströhrchen)

Einfaches Neströhrchen ohne Bewohner
Einfaches Neströhrchen ohne Bewohner

Junge Kolonien werden oft vorübergehend in solchen Nestern herangezogen, bis ab einer gewissen Koloniegröße ein größeres Formicarium angeboten wird. Manche volksschwachen Ameisenarten können auch für immer darin gehalten werden.

 

Für den Bau eines Neströhrchens füllt man ein Reagenzglas zu einem Viertel bis zu einem Drittel mit Wasser und schiebt dann Watte in das Reagenzglas bis zum Wasser. Die Watte sollte sich vollsaugen und den so entstandenen „Wassertank“ fest verschließen. Der vordere Bereich bildet die „Nistkammer“. Das Reagenzglas wird mit luftdurchlässigem Material (z.B. einem zweiten Wattebausch) verschlossen und wird üblicherweise waagerecht gelagert. Zusätzlich empfiehlt sich die Abdunkelung mit Alufolie oder roter Sichtfolie.

 

 

 

Ausbruchssicherungen

Verschließen des Formicariums

Das Verschließen der Formicarien ist recht simpel (z. B. Tupperdose mit Deckel), jedoch birgt es eine Menge Nachteile: da die Luft gar nicht oder nur sehr schlecht zirkulieren kann, ist die Schimmelgefahr sehr hoch. Verstärkt wird dieser Effekt noch durch die Fütterung, die ab einer gewissen Volksgröße im Formicarium erfolgen muss, da man sonst die Tiere nur sehr umständlich alle wieder ins Formicarium zurück bekommt. Da die Ameisen das Formicarium nicht verlassen können, muss der Halter die Futterreste und sonstigen Abfälle seiner Schützlinge entfernen, um die Schimmelgefahr zu senken. Abhilfe kann hier leicht durch gezielte Belüftung, entweder mit Lüftern oder mit passiven Lüftungen wie Löchern geschaffen werden, diese müssen jedoch mit grober Filterwatte verschlossen oder mit einem Gitter versehen werden, welches engmaschig genug ist, damit die Ameisen nicht hindurchschlüpfen können.

 

 

 

Wassergraben

Das Anlegen eines Wassergrabens um ein Formicarium lässt sich ebenfalls recht einfach bewerkstelligen. Die Nachteile liegen hier zum einen in der ständigen Wartung des Wasserstandes, da dieses langsam verdunstet und zum anderen in der Tatsache, dass kleinere Ameisenarten wie etwa die Schwarze Wegameise den auf dem Wasser abgelagerten Staub als Brücke nutzen können. Abhilfe können hier jedoch einige Tropfen Spülmittel schaffen, da diese die Oberflächenspannung herabsetzen. Hierbei können aber fouragierende Ameisen leicht abrutschen und dann ertrinken.

 

 

 

Rasierschaum

Frischer Rasierschaum hält Ameisen erfolgreich zurück, jedoch sind bei dieser Methode die „Wartungsarbeiten“ enorm, da der Rasierschaum regelmäßig erneuert werden muss. Nebenbei ist das ganze sehr geruchsintensiv.

 

 

 

Öl

Durch Anstreichen steiler Wände mit (Paraffin-) Öl wird den Ameisen das Erklimmen dieser deutlich erschwert, wenn nicht sogar gänzlich verhindert. Der Vorteil liegt hier in der besonders einfachen Umsetzung der Sicherung und des geringen Wartungsaufwandes. Leider verenden oftmals viele Tiere am Öl, da es ihnen die Atemorgane (Tracheen) verklebt.

 

 

 

Talkum

Talkum wird zuerst mit Wasser zu einem Brei vermischt, der dann auf die Wände aufgetragen wird. Nach einer Trocknungszeit von 1 bis 2 Tagen muss bei besonders kleinen Ameisenarten, wie z. B. bei Pheidole pallidula die Talkumoberfläche mit dem Finger oder einem feinen Haarpinsel aufgeraut werden. Versuchen die Ameisen dann über die Talkumschicht zu laufen, bröseln die winzigen Partikel ab und die Tarsen finden keinen Halt. Dies ist bei erfahrenen Haltern die bevorzugte Methode, da sie sehr sicher ist und selten erneuert werden muss (nur ca. 1x pro Jahr).

 

 

 

PTFE

Auch als Teflon bekannt. PTFE wird flüssig aufgetragen. Nach dem Trocknen bildet es einen dünnen Film, der keinerlei Unebenheiten bietet. So finden die Ameisen keinen Halt. Wichtig ist, dass PTFE wirklich sehr dünn aufgetragen wird, da sich sonst Risse bilden, an denen die Ameisen Halt finden. Ein weiteres Problem sind die Silikonnähte. Da PTFE auf diesen schlecht hält, wird dieses Problem manchmal dadurch gelöst, dass ein Streifen Klebefilm über das Silikon geklebt wird und anschließend mit PTFE bestrichen wird.

 

 

 

Hinweise zur Haltung mitteleuropäischer Ameisenarten

Da alle mitteleuropäischen Ameisen eine Winterruhe halten, ist es empfehlenswert das Formicarium transportabel zu gestalten, falls der Unterbringungsort nicht ganzjährig den Außentemperaturen entspricht.

 

Die Haltung von besonders geschützten Tierarten, darunter die meisten Waldameisen, ist nach dem Bundesnaturschutzgesetz verboten.

 

 

 

Hinweise zur Haltung exotischer Ameisenarten

Oft werden die Risiken unterschätzt, die mit der Haltung von exotischen Ameisenarten einhergehen:

 

  • Das Risiko biologischer Invasoren: Obwohl nicht jede absichtlich oder unabsichtlich freigelassene Kolonie lebensfähige Populationen entwickeln kann, so gibt es doch einige Arten, die eine erhebliche Gefahr für die einheimische Flora und Fauna darstellen könnten. Da Ameisen in vielen Ökosystemen dominant sind, besteht die Gefahr, dass sich weitere Neozoen wie die bereits eingeschleppte Pharaoameise oder die Argentinische Ameise etablieren. Der Ausbruch einer Blattschneiderameisen-Art (später als Acromyrmex octospinosus bestimmt) in Köln 2006 ist dokumentiert und wurde sogar von der örtlichen Kölner Boulevardpresse wahrgenommen.


  • Es besteht die Gefahr, dass Parasiten und Pathogenen auf einheimische Ameisen überspringen und diese Arten nachhaltig geschädigt werden.


  • Risiko der „intraspezifischen Homogenisierung“ (Entstehung homogener Mischpopulationen, die möglicherweise Anpassungsmerkmale an bestimmte Habitate verlieren)


Gesetzliche Regelungen zum Kauf und Verkauf von exotischen Arten, wie etwa bei Reptilien oder Spinnen, gibt es jedoch nicht in Europa.

 

 

 

 

 

 

Beachtenswertes und Merkwürdiges

Blattschneiderameise mit einem Blattstück
Blattschneiderameise mit einem Blattstück
  • Die Biomasse aller Ameisen auf der Erde umfasst mehr als die Hälfte der Gesamtbiomasse aller anderen Insekten zusammen und übersteigt jene der Menschen - oder wahlweise die aller nicht-humanen Vertebraten - bei weitem, obwohl eine einzelne Ameise je nach Art und Kaste nur etwa 6 bis 10 mg wiegt und 0,8 mm (eine Art der Gattung Leptothorax) bis 25 mm (Bulldoggenameisen) lang wird.

 

  • Oft wird behauptet, es sei eine besondere Fähigkeit von Ameisen, dass sie das 100fache ihres eigenen Körpergewichts tragen könnten. Daher solle man sie beispielsweise als „Riesen des Waldes“ bezeichnen. Es wird zugleich hochgerechnet, dass ein Mensch mit einer Körpermasse von 50 kg ein Paket mit einer Masse von fünf Tonnen tragen können müsste. Hier wird allerdings nicht beachtet, dass das Gewicht und die Masse mit der dritten Potenz einer Länge steigen, während die für die Kraft ausschließlich verantwortliche Querschnittsfläche eines Muskels nur quadratisch mit der Länge verbunden ist. Ein kleiner Überschlag zeigt: Würde man eine Ameise von 10 mm Länge linear auf die 200fach Länge vergrößern, dann käme man mit 2 m Länge in die Größenordnung eines Menschen. Die Masse und damit die Gewichtskraft bei unveränderter Erdbeschleunigung würden sich um das Achtmillionenfache (200x200x200=8.000.000) von vielleicht 10 mg auf 80 kg erhöhen, was auch mit dem Menschen vergleichbar wäre. Dann erhöhte sich aber die Muskelkraft nur um das Vierzigtausendfache (200x200=40.000). Könnte die Ameise also ihr 100faches Körpergewicht (Masse 100x10 mg=1 g) tragen, dann müsste sie in Menschengröße bei gleichen Verhältnissen 40 kg tragen können. Es ist folglich für ein Tier dieser Größe eine ganz normale Leistung.


  • Die größte gefundene Ameisenkolonie befindet sich in Südeuropa und wird von der Argentinischen Ameise Linepithema humile gebildet. Sie erstreckt sich entlang der Italienischen Riviera bis in den Nordwesten Spaniens über eine Länge von 5760 Kilometer. Die Kolonie besteht aus mehreren Millionen Nestern mit mehreren Milliarden Individuen. Forschungen ergaben, dass Ameisen dieser und anderer größerer Kolonien der Erde an der Küste Kaliforniens und der Westküste Japans sich gegenseitig nicht bekämpfen. Daher wird angenommen, dass sich das gesamte Ausbreitungsgebiet der Kolonie über mehrere Kontinente erstreckt, verbreitet durch den Menschen. Somit würde diese Kolonie die größte bekannte Ausbreitung dieser Struktur einer Insektenart darstellen.


  • Die Vermessung eines Nestes von Blattschneiderameisen ergab eine Tiefe von acht Metern unterhalb des Erdbodens und eine Gesamtfläche von 50 m2.


  • Eine Ameisenkolonie kann innerhalb von sechs Jahren 1900 Kammern anlegen. Dafür müssen rund 40 Tonnen Erde und sechs Tonnen Blattstücke in die Kammern gebracht werden.


  • Eine sibirische Ameisenart überwintert in einer Art Kältestarre bei Temperaturen unter −40 °C.


  • Weberameisen können sich auf glatten Oberflächen so stark festhalten, dass fast das 200-fache ihres Körpergewichtes nötig ist, um sie zu lösen.


  • Wüstenameisen (Cataglyphis bombycina) halten unter den Ameisen mit circa einem Meter pro Sekunde den Geschwindigkeitsrekord in der Fortbewegung.


  • Die Schnappkieferameise kann ihre Kiefer derart schnell öffnen und schließen, dass sie wie ein Katapult funktioniert, wenn sie gegen einen Gegenstand gehalten wird.

 

 

 

Systematik

Ameisen zählen zur Insektenordnung der Hautflügler (Hymenoptera). Innerhalb dieser stehen sie als Familie Formicidae in der Überfamilie Vespoidea, den Faltenwespenartigen, in der Unterordnung der Taillenwespen (Apocrita). Die Ameisen sind also nahe Verwandte der Echten Wespen (Vespinae). Alternativ werden die Ameisen manchmal einer eigenen Überfamilie Formicoidea zugeordnet. Neuere genomische Untersuchungen scheinen diese alternative Einordnung zu unterstützen.

 

Die Systematik der Ameisen ist noch nicht unumstritten. Bolton unterscheidet 20 rezente Unterfamilien, zu denen 2008 eine 21ste hinzugefügt wurde (Martialinae), jedoch besteht über diese Aufteilung derzeit keine Einigkeit, da neuere molekularbiologische Studien eine geringere Anzahl von eigenständigen Unterfamilien nahelegen. Diese Untersuchungen legen eine Unterteilung in drei Gruppen nahe, den Leptanilloiden (Leptanillinae), den Poneroiden (Agroecomyrmecinae, Amblyoponinae, Paraponerinae, Ponerinae und Proceratiinae) und Formicoiden, die alle übrigen Unterfamilien umfasst.

 

 

 

System

System fossiler und rezenter Ameisen, kombiniert nach Moreau und Ward:

 

 

 

 

 

 

Ameisenliste